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Auf den Hund gekommen

Über "sexy" Hunde, ihre Halter und die Evolution des Hundes. Freier Artikel nach der TV-Dokumentation "Auf den Hund gekommen" von Arte. Besonderer Dank geht an Wamillian, ohne den dieser Artikel nicht möglich gewesen wäre. Einige Wörter sind mit Links unterlegt, die zur Wikipedia führen und das Einsehen von Details ermöglichen.

„Wir suchen keinen Schwarzenegger, wir suchen einen Mel Gibson oder einen Harrison Ford. Er sollte etwas verschmutztes in den Augen haben, man muss das Feuer in ihm erkennen. Und er muss Sexappeal haben, denn sex sells." Kein anderes Säugetier auf der Erde kommt in so vielen Formen und Größen vor wie der Hund. Und es gibt verschiedene Ansichten darüber, was einen Hund "sexy" macht.

„Dino hat eine unglaubliche Präsenz, eine sehr natürliche Ausstrahlung, er hat nichts abgehobenes, er sprang uns gleich beim ersten Casting an, er war toll." Dino spielt die Hauptrolle in einer Webesendung für einen Textilerfrischer. Wer eine Millionen Doller für einen nur 1:30 Minuten langen Werbespot ausgibt, treibt einiges an Aufwand, ob es Castings oder den Darsteller selbst betrifft. Aber Dino war eine Überraschung in jeder Hinsicht. Er zählt zu den Schauspielern, die ihre Stunts lieber selber machen. „Wir dachten, wir würden mit Computeranimationen arbeiten müssen, doch nach einer Woche ruft uns plötzlich der Regisseur an und sagt: Ihr werdet es nicht glauben, aber der Hund kann mit der Flasche sprühen". Nicht schlecht für einen Hund, der ausgesetzt und in den städtischen Hundezwinger von Las Vegas gebracht wurde. Dort fanden ihn seine Trainer vor fünf Jahren. Heute ist er ein Star.

 

Bild: Dino während des Drehs. Ein kurzer Werbeausschnitt kann hier eingesehen [Windows Media Video, 414 kb] werden.

 

Wie wurde aus dem "grimmigen" Wolf ein treuer Kamerad? Warum gibt es Hund in so vielen verschiedenen Formen, Farben und Größen? Und wie ist es um die Zukunft unseres liebsten und ältesten Gefährten bestellt?

Der Hund selbst scheint nicht recht zu verstehen, warum der Mensch seinen großen, schmutzigen und anstrengenden Gefährten so attraktiv findet. Hundehalter haben allerdings individuelle Meinungen darüber, warum sie einen Hund halten:

 

„Sie sind sowas wie die eigenen Kinder, man ist stolz auf sie. Man versucht, sie perfekt herauszuputzen, damit sie schön aussehen."

„Er ist so klug, er ist so gehorsam. Ich würde ihn heiraten wenn er eine Frau wäre (grinsend)." Auf die Frage, was ihm der Hund bedeutet: „Nun... jedenfalls mehr als meine Frau."

„Es ist ein wunderschöner Hund."

„Es gibt nichts schöneres, als von jemandem empfangen zu werden, der sich ehrlich freut"

 

Alle Hunderassen stammen von den Wölfen ab, die sich vor circa 10.000 Jahren noch als recht homogene Population präsentierten. Wie konnte sich aus einer solchen Population in relativ kurzer Zeit eine so unglaubliche Vielfalt an verschiedenen Hunderassen entwickeln? Wölfe zählen zu den "Eliteraubtieren" in der Natur. Sie jagen mit einer seltenen Mischung aus Ausdauer, Geschwindigkeit, Härte und Teamwork. Und dennoch wurde aus ihm das erste zahme Haustier. Die große Frage lautet: wie kam das?

 

Eine Theorie besagt, dass Menschen die treibende Kraft waren. Sie zähmten keine ausgewachsenen Wölfe, aber Wolfswelpen. Die Kleinen sind einfach unwiderstehlich. James Serpell von der Universität Pennsylvania unterstützt diese Theorie: „Es gibt eine Fülle von Beweisen in Form anthropologischer und ethnographischer Berichte, aus denen hervorgeht, dass Jäger und Sammler junge Wildtiere gefangen und gezähmt haben um sie als Haustiere zu halten." Vielleicht taten das auch unsere Vorfahren- sie entdeckten ein Wolfsjunges, fandes es unwiderstehlich und nahmen es mit, um es als Haustier zu halten. Und vielleicht blieben sie dabei, auch wenn die meisten Jungen zu unberechenbaren, gefährlichen Tieren heranwuchsen oder einfach wieder wegliefen. „Wir müssen und das so vorstellen: wenn tausende solcher Wölfe diesen Zähmungsprozess durchlaufen, werden früher oder später einige darunter sein, die zugänglicher für diese Lebensart sind als Andere und somit eine geringere Bedrohung darstellen."

 

Falls diese Theorie zutrifft, hielten sich unsere Vorfahren möglicherweise eine Wölfin wie diese: ihr Name ist Maya uns sie lebt im Wolf Park, einer Forschungseinrichtung und Touristenattraktion in Indiana, USA. Dort haben Biologen aus der Aufzucht zahmer Wölfe eine Wissenschaft gemacht. Das Ganze beginnt mit einem "Einbruch" in einen Wolfsbau mit zehn Tage alten Jungen. Die Wissenschaftler haben herausgefunden, dass der erste Schritt der Aufzucht zahmer Wölfe darin besteht, sie von einem sehr frühen Zeitpunkt von ihrer Mutter zu trennen. Während der nächsten vier Monate sind diese Jungen Tag für Tag, rund um die Uhr mit Menschen zusammen. Ein einziger Fehler kann dazu führen, dass aus dem erwachsenen Wolf ein unberechenbares und gefährliches Tier wird. Patricia Goodman, Wärterin im Wolf Park: „Wir investieren in einem Sommer rund 2000 Arbeitsstunden, verteilt auf mehrere Mitarbeiter, um die Jungen an uns zu gewöhnen. Es ist ein extrem arbeitsintensiver Prozess, bei dem wir unser Verhalten ständig überprüfen. Denn es kann sehr schnell passieren, dass man das Tier in einem falschen Verhalten bestärkt ohne es überhaupt zu bemerken."

 

Bild: Die Wölfin Maya aus dem Wolf Park.

 

Auf diese Art Pflege werden Wölfe herangezogen, die sich durch menschliche Gerüche und Geräusche nicht bedroht fühlen. Dennoch gehen alle Mitarbeiter im Wolf Park äußerst behutsam vor, wenn sie mit den Wölfen zusammen sind. Plötzliche und unerwartete Bewegungen können ein gefährliches Verhalten zur Folge haben. Diese Tiere sind nur oberflächlich zahm, ganz gewiss sind es keine Hunde.

Der nächste Schritt bestünde darin, nur den zahmsten Wölfen die Fortpflanzung zu ermöglichen. Würde man das über mehrere Generationen konsequent fortführen, bekäme man - zumindest theoretisch - ein Tier, dass sich fundamental von diesen Wölfen unterscheidet. Ein Wolf, der die Zahmheit bereits in seinen Erbanlagen trägt. Nach Ansicht einiger Biologen entwickelte sich etwa auf diese Weise vor gut 15.000 Jahren der Hund. Andere halten die Theorie von der Adoption von Wölfen für Unfug.

 

Zum Beispiel Raymond Coppinger vom Hampshire College, Massachusetts: „Die Vorstellung, dass Steinzeitmenschen die Wölfe gezähmt, trainiert und dann zu Haustieren gemacht haben sollen, ist meiner Meinung nach geradezu lächerlich. Damals hatten die Menschen andere Probleme. Sie hätten Wochen und Monate mit dem Training von Wölfen zubringen müssen. Und die Wölfe sollen das alles mitgemacht haben? Eine Lektion nach der anderen? Und ihre Familie solle ihren Wolf mit dem einer anderen Familie gekreuzt haben? Tatsache ist, dass Wölfe sehr strenge Regeln haben mit wem und wann sie sich paaren. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Steinzeitmenschen mit Maschendrahtzäunen und all den anderen Dingen gearbeitet haben, die ich für die Aufzucht meiner Hunde benötige. Sie verfügten einfach nicht über das dazu notwendige Material."

Für Raymond Coppinger und andere Hundeexperten, die an der Adoptionstheorie zweifeln, besteht die Herausforderung darin, eine andere Erklärung zu finden. Wie sonst könnte sich die Entwicklung vom Wolf zum Schlittenhund und all den anderen Hunderassen vollzogen haben? Erst als er anfing, darüber nachzudenken, welchen Vorteil die Wölfe von einem Leben mit Menschen gehabt haben könnten, kam Coppinger auf eine mögliche Antwort: inzwischen ist er davon überzeugt, dass sich der Wolf aus freiem Willen für die Domestikation entschied und zwar wegen der leichten Beute, die ein steinzeitliches Equivalent zu irgendeiner Müllkippe ist. Auf einer Müllkippe hat ein etwas zahmeres Tier, dass sie nicht so leicht von Menschen erschrecken lässt, bessere Aussichten Nahrung zu finden und zu überleben. Das ist heute so und traf auch nach Coppinger's Theorie auch schon vor langer Zeit zu.

 

„Gehen wir ca. 14.000 Jahre zurück, als die Menschen erstmals auf die Idee kamen, sich in Dorfgemeinschaften anzusiedeln. Sie wurden sesshaft und errichteten permanente Siedlungen, in deren Umgebung sich ihre Abfälle, beispielsweise Essensreste, ansammelten. Das machten sich gleich mehrere Spezies zu Nutze, die und heute nur allzu vertraut sind: Mäuse, Kakerlaken oder Tauben. Wir haben alle möglichen Tiere, die von menschlichen Abfällen leben. Eines davon ist der Wolf. Der Wolf machte sich diese Bedingungen zu Nutze, diese neue Nische, diese neue Futterquelle. Und sie kam ihm sehr gelegen. Er muss nicht mehr jagen, er muss nur noch warten, bis der Mensch ihm das Futter vor die Füße wirft."

Nicht alle Tiere sind in der Lage, aus dieser Quelle Kapital zu schlagen. Die meisten wilden Tiere ergreifen die Flucht, wenn sich Menschen näheren. Die wenigen, die das nicht taten, hatten in diesem Fall einen echten Vorteil. Sie bekamen mehr Futter und deshalb hatte ihr Nachwuchs größere Überlebenschancen. So wurde jede neue Generation zunehmend zahmer. Coppinger: „Diejenigen, die zuerst wegrennen, wenn ein Mensch auftaucht, fallen durchs Sieb, denn sie werden nicht in der Lage sein, auf der Müllkippe zu finden. Hier kommt es vor unseren Augen zu einer natürlichen Selektion. Diejenigen Wölfe, die etwas zahmer als ihre Artgenossen sind und es deshalb länger dort aushalten, bekommen mehr zu fressen. Sie sind die Sieger in diesem evolutionären Ausleseprozess."

 

Bild: Schlossen sich Wölfe aus freiem Willen den Menschen an?

 

Nach Coppinger's Meinung ist das auch die Erklärung für das unterschiedliche Aussehen zwischen Hunden und Wölfen: „Wenn wir uns das Maul eines Wolfes ansehen, seine Größe und das kräftige Gebiss, dann kann man sich vorstellen, wie er in der Wildnis jagt und tötet. Ein Hund dagegen hat kleinere Zähne. Der Wolf hat ein größeres Gehirn, der Hund ein kleineres. Welche Tiere haben ein kleines Gehirn? Diejenigen, die kein großes Gehirn brauchen. Es erfordert schließlich nicht allzu viel Intelligenz Futterreste zu finden. Es genügt in der Nähe zu sein, wenn jemand das Essensreste wegwirft. Der Hund agiert über das Schema sitzen und abwarten."

 

War es die Verlockung unserer Abfälle, die das Zeitalter der Domestikation wilder Tiere einläutete? Oder war es die Liebe zu einem niedlichen Wolfswelpen?

Viele Hunde haben Schlappohren, einen hoch stehenden Ringelschwanz oder ein scheckiges Fell mit vielen Farben. Derartige Merkmale zeigen sich bei einem Wolf nicht. Wozu auch? Denn sie würden ihm bei seinem Überlebenskampf in der Wildnis nichts nutzen. Eine Theorie besagt, dass Menschen solche Merkmale bewusst herangezüchtet haben.

 

Raymond Coppinger hält auch das für Unsinn; „Wie soll das denn gehen? Man sucht sich einen Typ Schwanz aus und Generation für Generation geht der Schwanz Zentimeter für Zentimeter nach oben bis er dann ganz oben ist? Und während der Schwanz oben ist, gehen die Ohren Zentimeter für Zentimeter nach unten bis es Schlappohren sind? Von der genetischen Warte aus gesehen ist dazu ein Mechanismus notwendig, es bedarf einer Regelmäßigkeit und ob Sie es glauben oder nicht, es ist bis heute ein Rätsel."

Merkmale wie die Farbe des Felles, Form der Ohren und des Schwanzes werden von seinen Genen bestimmt. Gene sind die Bausteine der DNA und liegen häufig in nur geringfügig unterschiedlichen Versionen vor. Jeder Hund erhält eine Kopie jedes Gens von seiner Mutter und eine Kopie von seinem Vater. Diese Gene lassen sich in unzähligen Kombinationen kombinieren. Doch wenn die Eltern das Gen nicht in sich tragen, kann es auch der Nachwuchs nicht bekommen. Das ist auch der Grund, warum die Merkmale des Hundes ein so großes Rätsel aufgeben. Denn bei Wölfen - den "Stammvätern" - existieren diese Merkmale nicht.

 

Bild: Warum sehen Hunde so unterschiedlich aus?

 

Es bedurfte eines bemerkenswerten Experimentes um dieses Geheimnis zu lüften. Durchgeführt wurde es in Sibirien, von einem in Ungnade gefallenen russischem Genetiker namens Dmitri Belayev. Einheimische Fuchszüchter hatten ihn bei der Züchtung einer zahmeren Fuchsrasse um Hilfe gebeten. Belayev begann mit den zahmsten Füchsen die er finden konnte. Aus deren Nachkommen wählte er über mehrere Generationen nur die zahmsten Vertreter für die Fortpflanzung aus. Er hatte erwartet, dass jede neue Generation ein Stück zahmer werden würde als die vorherige. Doch nach der zehnten Generation beobachtete er Veränderungen mit denen er nicht gerechnet hatte: Coppinger dazu: „Plötzlich begannen die Ohren seiner Füchse herabzuhängen und ihre Schwänze wuchsen in die Höhe. Sie begannen zu bellen, was nicht gerade typisch für einen Fuchs ist. Und sie bildeten unterschiedliche Felle heraus. Als das sind Merkmale, die bei wildlebenden Tieren nicht existieren. Es kann sich auch nicht um eine natürliche Auslese handeln, denn in der Wildnis kommt diese Variante überhaupt nicht vor."

Wo liegt dann der Zusammenhang zwischen Zahmheit und der Ausprägung von verschiedenen Merkmalen? Belayev und seine Kollegen testeten den Adrenalinspiegel ihrer Füchse, also das Hormon, das über die Reaktion Kampf oder Flucht entscheidet. Sie fanden heraus, dass der Adrenalinspiegel der Füchse deutlich unter dem Normalwert von wilden Füchsen lag. Coppinger: „Damit könnte die Zahmheit begründet werden. Sie haben keine Angst denn sie produzieren weniger Adrenalin. Aber woher kommt zum Beispiel das mehrfarbige Fell? Um prompt sagt jemand: Adrenalin ist doch biochemisch mit Melanin verwandt und Melanin beeinflusst die Farbe des Felles. So konnte ein direkter Zusammenhand zwischen der Fellfarbe und der Adrenalindrüse hergestellt werden."

Plötzlich passten alle Puzzleteile zusammen. Während Belayev seine besonders zahmen Füchse züchtete, begannen ihre Körper über Generationen hinweg eine Reihe von Hormonen in verschiedenen Mengen zu produzieren. Diese Hormone bewirken eine Vielzahl von Veränderungen, die wiederum eine erstaunliche Vielfalt an genetischen Variationen zur Folge hatten.

Die meisten Biologen sind inzwischen der Meinung, dass etwas ähnliches bei Hunden und Wölfen geschehen ist.

 

Das erste Haustier der Welt: Von Beginn an fügte sich der Hund bemerkenswert gut in die menschliche Gemeinschaft ein; nicht zuletzt dank seiner sozialen Fähigkeiten, die er vom Wolf geerbt hat. James Serpell: „Der Schlüssel zum Geheimnis könnte darin liegen, dass Hunde gut darauf vorbereitet sind, in komplizierten gesellschaftlichen Gruppen zu leben. Innerhalb eines Rudels von Wölfen herrscht normalerweise eine recht straffe Hierarchie. Die Individuen lernen, sich in diese Hierarchie einzufügen und passen sich an."

Niederranginge Wölfe zeigen überlegenen Wölfen ihre Untergebenheit durch verschiedene Gesten. Hunde wenden die gleichen Strategien im Zusammenleben mit Menschen an. Diese innige Verbindung zwischen Mensch und Hund besteht bereits seit sehr langer Zeit. Gemäß einer kontrovers diskutierten Theorie sogar schon seit sehr langer Zeit.

 

Jennifer Leonhard gehört zu einem Team an der Universität von Kalifornien in Los Angeles, das sich mit sehr alter DNA beschäftigt. Jüngst besuchte sie das "Natural History Museum" in London, um einige uralte Hundeknochen abzuholen, anhand derer sie die neue Theorie ihres Teams bestätigen will. Selbst in einem 6000 Jahre alten Hundezahn ist DNA enthalten. Der Hund, zu dessen Gebiss dieser Zahn gehörte, lebte als Haustier bei jungsteinzeitlichen Menschen. Diese DNA ist ein Fenster, das einen Blick in die Evolutionsgeschichte des Hundes eröffnet.

Zurück in Los Angeles sequenzierte Leonhard die verschiedenen chemischen Komponenten der Hunde-DNA. Sie untersuchte sie auf Mutationen - meist harmlose Veränderungen im genetischen Code - die sich über Generationen hinweg ansammeln. Somit stellen sie für Genetiker eine Art "tickende Uhr" dar. Die Tests und Experimente von Leonhards Team beweisen, dass diese Uhr für den Hund schon sehr lange tickt. Ihrer Theorie zufolge begannen Hunde schon vor rund 100.000 Jahren diese Mutationen zu entwickeln, also zu einer Zeit, als Neandertaler und Homo sapiens um ihr Überleben kämpften.

 

Das gab Anlass zu einigen abenteuerlichen Spekulationen. Dazu zählt auch die Vorstellung, dass letztlich die Zähmung des Wolfes das Zünglein an der Waage zu Gunsten des Homo sapiens gewesen sein könnte.

Oder die Theorie, dass der Hund dem Menschen einen Grund dafür gab die Sprache zu entwickeln.

 

Vor etwa 10.000 Jahren gab es überall wo Menschen lebten auch schon Hunde, die so aussahen wie Hunde und sich auch so verhielten. Damals präsentierte sich der Hund aber mehr oder weniger als "Einheitsmodell". Zu dieser Zeit existierte noch keine solche Vielfalt an verschiedenen Hunderassen, wie wir sie heute kennen. Vor etwa 5000 Jahren verabschiedete sich der Hund von seiner Standardgröße. Zum Beispiel die Vorfahren des Salukis, die in Ägypten gehalten wurden. Der Saluki zählt zu den interessantesten Hunderassen. In einem Rennen über 5000 Meter schlägt ihn kein anderes Säugetier. Der Saluki ist eine wahre "Rennmaschine" und damit ein Wunderkind der Natur: seine langen Beine ermöglichen ihm raumgreifende Schritte von ca. drei Metern Reichweite, Herz und Lunge sind stark vergrößert und gewährleisten so eine maximale Sauerstoffaufnahme, sein Brustkorb ist schmal und damit wenig anfällig für einen Hitzestau, auch seine lange Nase hilft bei der Kühlung des Blutes. Aber wie konnte der Saluki so "perfekt" werden? Die alten Ägypter hatten sicher keine Kenntnis darüber, wie eine maximale Sauerstoffaufnahme gewährleistet wird. Deshalb belächeln die meisten Biologen die Theorie, dass der Saluki mit Absicht gezüchtet wurde.

 

Trotzdem spielt der Mensch eine bedeutende Rolle. Hunde taten schon immer Dinge für uns und wir belohnten diejenigen, die ihre Aufgabe am Besten erfüllten. Ein Beispiel:

vor 8000 Jahren war offenes Grasland im mittleren Orient weit verbreitet. Dort wurden kleine Beutetiere vom Menschen bejagt, allerdings mit mäßigem Erfolg, da die Beute einfach zu schnell und flink war. Nahmen die Jäger aber einmal ihre Hunde mit, beteiligten diese sich sofort an der Jagd. Ein Hund kehrte erfolgreich mit gefangener Beute zurück und wurde mit einem Futterhappen belohnt. Ein besser genährter Hund hat größere Chancen zu überleben und sich fortzupflanzen. Wird dieser Prozess über Generationen hinweg wiederholt, steht am Ende eine geschmeidige und hoch entwickelte Rennmaschine- wie zum Beispiel der Saluki. Nach diesem Prinzip entwickelten sich viele Hunderassen.

 

Bild: Jack Russel Terrier (links) und Deutsche Dogge (rechts)

 

So verschieden zwei Hunde erscheinen, genetisch sind sie so ähnlich, dass sie sich paaren und gesunde Nachkommen zeugen können. Aber wie können Hunde äußerlich so verschieden sein, wenn sie doch sehr ähnliches Erbmaterial haben?

 

Mike Levine, Erbgutforscher, ist der Ansicht, dass die Antwort in Teilen der DNA liegt, die vor kurzem noch als bedeutungslos abgetan wurden. Nur ein Teil der DNA in jeder Zelle enthält die Informationen für den Bau der Proteine, den Bausteinen des Lebens. Der Rest ist ein Rätsel. Einige Abschnitte der DNA sind wahrscheinlich bedeutungslos, doch viele Erbgutforscher glauben inzwischen, dass in diesen geheimnisvollen Teilen der DNA die wichtigen Kontrollfunktionen zum An- und Abschalten der Gene verborgen liegen.

 

Mike Levine: „Es hat sich gezeigt, dass sich das Erbgut aus zwei Bereichen zusammensetzt. Zum einen der berühmte Bereich, der die Proteinstrukturen beschreibt, zum anderen der eher vernachlässigte Bereich, die so genannte "regulierende DNA". Sie befiehlt dem Teil des Gens, der Proteine codiert, wann und wo es aktiv werden muss. Es ist die "Software" des Genoms." Levine ist der Ansicht, dass kleine Veränderungen in dieser Software zu einer bemerkenswerten Vielfalt führen, ohne den Teil der DNA zu verändern, der einen Hund zu einem Hund macht. Alle Hunde - ob groß, ob klein - könnten das gleiche Gen für ihr Beinwachstum in sich tragen, wobei der einzige Unterschied darin bestünde, wann dieses Gen an- und abgeschaltet wird.

 

Das frustrierende für Genetiker: der Code der regulierenden DNA konnte bisher noch nicht geknackt werden. Wissenschaftler sind sich einig, dass diese Abschnitte die Körperform bestimmen. Aber was ist mit den Verhaltensweisen, zum Beispiel dem Apportieren? Würde sich das Verhalten ändern, wenn verschiedene Gene ein- oder abgeschaltet wären? Das ist sicherlich ein Teil der Erklärung, die Biologen für Charlies Verhalten liefern. Charlie ist ein Hütehund, Schafe sind seine Kameraden, die er vor Raubtieren beschützen muss. Diese Bindung zu Schafen wurde in einem frühen Lebensabschnitt von Charlie geknüpft. Als Charlie noch ein Welpe war, durchlief er eine Phase, in der er für neue Erfahrungen besonders empfänglich war, die "entscheidende Phase der Sozialisation".

 

Coppinger: „Alle Tiere, zumindest alle Wirbeltiere durchlaufen diese entscheidende Phase, in der das Tier lernt zu welcher Art es gehört. Vögel erlernen während dieser Phase den speziellen Gesang ihrer Artgenossen. Wenn ein Vogel diesen Gesang nicht erlernt, wird er später nicht in der Lage sein, einen Paarungspartner zu finden. Der Vogel muss ihn also lernen. Und das kann er nur in einem bestimmten Zeitfenster. Die entscheidende Phase für die soziale Entwicklung von Hunden sind die ersten 16 Wochen." Danach sorgt ein Signal des Gens dafür, dass das Zeitfenster für die Sozialisation geschlossen wird. Bei Wölfen kommt dieses Signal im Alter von ungefähr drei Wochen. Das heißt, dass Hunde etwa fünfmal mehr soviel Zeit haben wie ein Wolf, um soziale Bindungen zu knüpfen. „Wenn ein Hund in einer Schafherde aufwächst, knüpft er soziale Bindungen zu Schafen, wächst er bei Menschen auf, knüpft er diese zu Menschen. Der Hund ist in dieser Hinsicht äußerst formbar."

 

Bild: Hunde sind äußerst anpassungsfähig. Hier erforscht ein junger Labrador eine Spülmaschine.

 

Der Zeitpunkt des An- und Abschalten von Genen erklärt eventuell auch, warum viele Hunderassen spezifische Fähigkeiten entwickelt haben. Die Wurzeln hierfür liegen im Jagdinstinkt des Wolfes. Alle Raubtiere jagen nach dem gleichen Schema: am Anfang steht die Suche. Ist dann eine potentielle Beute gefunden, folgt das Anpirschen. Wenn das Tier nah genug an seiner Beute ist, erfolgt die eigentliche Jagd. Mit dem Zupacken wird die Beute zur Strecke gebracht, am Ende steht schließlich der tödliche Biss.

Coppinger: „Wenn ein Wolf einmal mit dieser Sequenz begonnen hat, muss er sie bis zum Ende durchziehen. Dann kann man nicht mehr sagen: Ist gut mein Junge, bis hierher und nicht weiter. Für den Wolf steht am Ende dieser Sequenz immer die Beute, die Mahlzeit."

 

Hund dagegen bekommen ihre Nahrung vom Menschen und sind auf die Jagd nicht mehr angewiesen. Coppinger erklärt anhand eines Beispiels: „Ich nehme also zum Beispiel einen Pointer und lasse ihn suchen. Er soll aber nur suchen, das Anpirschen und das Jagen interessiert mich nicht, sonst scheucht er den Vogel auf, den ich schießen will." Viele Verhaltensweisen (Vieh hüten, Fährten suchen, Jagen oder Apportieren) sind Varianten von Verhaltensweisen, die der Wolf zum Überleben einsetzt. Wenn man Hunden nun eine Aufgabe gibt, zum Beispiel Fährten suchen und die Besten über Generationen belohnt, bildet sich ein markantes Verhalten heraus. Auf diese Weise entstanden über 400 Hunderassen, die wir heute kennen.

 

Jeder reinrassige Hund ist das Produkt von intensiver Züchtung. Allerdings nehmen auch die genetisch bedingten Krankheiten zu. Interessanterweise lässt sich sowohl das Problem der Krankheiten als auch der Stellenwert des Hundes bis ins viktorianische England (Mitte des 19. Jahrhunderts) zurückverfolgen. Damals schaffte sich die Mittelschicht unproduktive Haustiere als Prestigeobjekte an. Da sich aber immer mehr Bürger mehrere Haustiere leisten konnten, musste ein Weg gefunden werden, um die Hunde mit einer Aura der Aristokratie zu umgeben. Dies war die Geburtsstunde der Hundeschau. Die Qualität der reinrassigen Hunde wurde allein nach ihrem Aussehen beurteilt, die Zucht augenscheinlich perfekter Hunde mit reinen Ahnenlinien fiel damals oft mit Rassismus zusammen, der sich auch auf das Bild des Menschen übertrug.

 

Bild: Eine moderne Hundeschau.

 

Inzucht ist die einzige Kontrolle wie die nächste Hundegeneration aussehen wird und gängiges Mittel bei vielen reinrassigen Züchtungen. Doch birgt sie bekannte Gefahren: Liegt in der DNA beispielsweise ein Gen für ein bestimmtes Merkmal in unmittelbarer Nähe zu einem Gen, das eine Krankheit hervorruft, dann ist die Wahrscheinlichkeit bei der Inzucht größer, dass beide Elternteile das kranke Gen auf ihr Junges übertragen.

 

Trotzdem sind Wissenschaftler überzeugt, dass man eine Menge von reinrassigen Hunden und deren genetisch bedingten Krankheiten lernen kann: die Forschungsergebnisse können teilweise auf den Menschen übertragen werden. Jennifer Leonhard: „ Bei erkrankten Hunden gibt es eine weite Ahnenlinie, die untersucht werden kann, was beim Menschen kaum möglich ist."

 

Emmanuel Mignot machte eine Entdeckung, die die Lebensqualität von Millionen von Menschen verbessern könnte. Er untersuchte Hunde, die an der Erbkrankheit Narkolepsie erkrankt waren. In Momenten großer emotionaler Erregung fällt der Betroffene in einen Tiefschlaf und verliert damit die bewusste Kontrolle über die Muskeln. Die Krankheit kommt bei Menschen häufiger vor als bei Hunden, aber die Krankheit ist bei Hunden leichter zu erforschen, weil weniger genetische Variationen vorliegen. Trotzdem war es alles andere als einfach. Mignot: „Der Prozess das Gen zu finden, war extrem langwierig. Ich habe mich selbst über meine Geduld gewundert. Wir haben etwas entdeckt, woraus sich möglicherweise ein Medikament für Narkolepsiepatienten entwickeln lässt. Das wäre wirklich ein Erfolg."

 

Das ist ein Beispiel, wie der Hund dem Menschen hilft. Aber hilft der Mensch auch dem Hund?

Einige in Hunde hineingezüchtete Verhaltensweisen sind nicht mehr vereinbar mit unseren modernen Lebensweisen. Leonhard: „Ein Hund, der seinen Trieb zum Viehhüten nicht ausleben kann, versucht alles in seiner Umgebung zwanghaft zu kontrollieren, auch seinen Halter."

 

Bild: Ein Schlittenhund.

 

Coppinger: „Wenn man Hunde als gute Gefährten will, dann muss man sie als gute Gefährten züchten. Warum muss denn das Haustier unbedingt ein Schlittenhund sein? Was bringt dem Halter das? Es verbessert seinen Ruf nach dem Motto: Ich bin einer von diesen abgehärteten Typen, die alleine mit einem Hundeschlitten zum Nordpol fahren können und der Siberian Husky steht dafür wie ich gerne wäre. Aber das kann es doch nicht sein. Wir wollen einen guten Gefährten, ein gutes Haustier, dann muss man es halt züchten."

 

Serpell: „Manchmal stelle ich mir vor, wie jemand aus der Welt der Hundezüchter vorbei kommt und sagt: lasst uns einfach vergessen, wie dieser Hund aussieht, sondern nur nach seinem Verhalten urteilen. Ich glaube, dass langfristig beide Seiten davon profitieren würden. Der Hund, weil er besonders auf das Leben mit den Menschen vorbereitet wäre und nicht so schnell abgeschoben oder ausgesetzt werden würde und der Mensch hätte mehr Freude an seinem Hund."

 

Angesichts der langen und seltsamen Geschichte, die der Hund zusammen mit dem Menschen beschritt, ist es das Mindeste, was wir für ihn tun können.